28. Erfurter Schachfestival

Während viele unserer Vereinsmitglieder in Spandau um Ruhm und Ehre kämpften, erkundete ich das größte Schachturnier in meiner neuen Wahlheimat Erfurt. Das nun schon zum 28. mal stattfindende Erfurter Schachfestival versprach vor allem, dass man in jeder Runde einen starken Gegner bekäme, weil das Turnier neben einem eigenen Seniorenturnier auch in drei Leistungsniveaus unterteilt war. Im sogenannten Meisterturnier war das Teilnehmerfelsd zwischen 1900 und 2500 DWZ/ELO stark. Ich startete somit (nach ELO gesetzt) an 46 von 123. Gespielt werden sollten 8 Runden, startend mit einer Runde Abends am 2. Weihnachtsfeiertag, gefolgt von Doppelrunden bis zur Abschlussrunde am 30.12 morgens. Alle Turniere fanden im sehr zentral gelegenen Radisson Blue Hotel in Erfurt statt. Dem Meisterturnier wurden allerdings die mit Abstand schönsten Turnierräume zu Teil. Während die anderen Turniere, zum größten Teil jedenfalls, im 1. Stock spielten, durften wir die Aussicht aus dem 17. Stock des nach dem Dom zweitgrößten Gebäudes der Stadt genießen.

Bei so einer Aussicht spielt es sich doch noch viel schöner, nicht?

Nun aber zum Schachlichen…
In der ersten Runde erwartete mich ein 1900er. Ich hatte Schwarz, er spielte Londoner, ich hatte keine Lust mehr.
Nach dem ich im Mittelspiel schon einen konkreten Gewinn falsch berechnete und nicht spielte, gewann ich kurz später mit einer Taktik dann doch eine Qualität für einen Bauern bei anhaltendem Königsangriff und konnte die Partie sogar mit Matt beenden.

Jetzt ist vielleicht der richtige Moment kurz zu erzählen, wie ich auf das Turnier eigentlich aufmerksam wurde. Als reger Nutzer der Seite chess24.com verfolge ich dort regelmäßig stattfindende Streams von „den Lubbes“ (Nikolas und Melanie Lubbe (ehem. Ohme)). Diese spielten das Turnier schon in den letzten Jahren und ich erinnerte mich, dass sie sich nach der letzten Ausgabe 2017 danach recht positiv über das Turnier äußerten. Warum erzähle ich das hier? Weil die Auslosung für Runde zwei mir ausgerechnet Melanie Lubbe bescherte. Gleich ein richtig harter Brocken (WGM, 2345 ELO, 2334 DWZ, Nr. 3 der deutschen Frauen) also in Runde zwei.

Nachdem ich ENDLICH also mal meine erste Partie gegen eine(n) Titelträger(in) gewinnen konnte, war ich voller Hoffnung für die nächste Runde. Für die Nachmittagsrunde wurde ich gegen Sebastian Pallas (2292 ELO, 2240 DWZ) gelost und hatte keinen Farbwechsel, also nochmal weiß! Da sollte doch nach so einem guten Morgen etwas möglich sein…

Mit 3/3 ins Turnier gestartet. Was für ein perfekter Start. Zur Belohnung bekam ich am Abend noch die Auslosung. Es sollte an Tisch 1 gegen die 1 der Setzliste (IM Gabor Nagy, 2472 ELO aus Ungarn) gehen. Nachdem ich schon zwei Weißpartien hinter mir hatte, nun allerdings mit Schwarz. Na, ob das was werden kann?

 


Am Ende ein Remis, dass ich mir zu 100% selbst zuzuschreiben habe und nachdem jeder, der von meiner Bedauerung hörte nicht gewonnen zu haben nur meinte, es wäre ja gegen den Nagy gewesen. Da sei ein Remis doch richtig gut. Tja, wenn man erst mal ne Dame mehr hatte und gleich mehrere richtig gute Möglichkeiten auslässt, ärgert man sich eben trotzdem. Aber immerhin hätte ich auch an mindestens einer Stelle in eine schlechtere Stellung geraten können. Also sicher kein ungerechtes Ergebnis.

In der Nachmittagsrunde dann  wieder Weiß, gegen den späteren Turnierzweiten und in Berlin nicht unbekannten FM Raphael Lagunow (19 Jahre, 2409 ELO, 2383 DWZ). 

Nach dieser eher wenig aufregenden Partie, mit der ich schachlich auf Grund der doch recht unsauber behandelten Eröffnung aber nicht sehr zufrieden war, ging es aber mit sehr guten 4/5 ins Bett. Am nächsten Morgen wartete dann die nächste Frauennationalspielerin, WIM Filiz Osmanodja (22 Jahre, 2318 ELO, 2296 DWZ). Die Geschichte dieser Partie ist leider sehr schnell erzählt.

Nach langer Zeit mal wieder einfach eingestellt. Na gut, Mund abputzen, weitermachen dachte ich mir. Und so ist auch die nächste Partie recht schnell erzählt, diesmal mit deutlich glücklicherem Ausgang für mich. Und es sollte im selben Turnier, dann doch auch noch ein zweiter Titelträger folgen, gegen den ich gewinnen konnte. Ist der Fluch endlich gebrochen?

Vor der letzten Runde also 5/7 und Platz 7 im Turnier bei bester Zweitwertung gegen fast das gesamte Feld. Da sollte doch eigentlich zumindest für den Ratingpreis U 2200 DWZ was möglich sein, oder? Wie sich herausstellte, sollten noch zwei meiner Mitstreiter ebenfalls bei 5/7 stehen. Die Auslosung tat mir zudem keinen besonderen Gefallen. Ich wurde mit Schwarz gegen die Nummer 3 gelost, IM Nikolas Lubbe. Ich malte mir aus, dass ein Remis sehr sicher für Geld reichen würde, jedenfalls um den Ratingpreis mitzunehmen, da auch meine Konkurenten Schwarz gegen bessere Gegner hatten. Aber ein Schwarzremis gegen einen IM will auch erst mal geholt werden, oder?


Es sollte also nicht sein mit dem Remis zum Abschluss. Leider hielt einer meiner Konkurrenten seine Partie gegen Filiz Osmanodja zusammen. Da ich gegen sie verloren habe, ist es dann auch irgendwie fair, dass er den Kategoriepreis gewinnt, oder?

Das Turnier hat jedenfalls viel Spaß gemacht. Besonders die tolle Aussicht aus unserem Turniersaal wird mir in Erinnerung bleiben. Und was bleibt? Die ersten beiden Titelträger geschlagen, ein Turnier mit Elo-Performance >2400 abgeschlossen, knapp 60 ELO und über 40 DWZ gewonnen. Also auch ohne einen Geldpreis ein schachlich erfolgreiches Turnier und interessante Partien sind zum Teil auch bei herausgekommen.

9 Kommentare

  1. Ja, vor allem, wenn man sich die Zweitwertung ansieht, erkennt man die tolle Turnierleistung!
    Also sollte bei dieser Leistungsstärke der FM-Titel in absehbarer Zeit zu schaffen sein.

  2. Ich habe mir das Video von der Siegerehrung angesehen, Du hast Deinen Geldpreise nicht abgeholt (2. unter 2200).
    Alexander Lagunow hat den 3. Preis unter 2200 bekommen, obwohl er natürlich weit über 2200 hat. Aber nach Aussagen des Schiedsrichters wollten sie den 3. Kategoriepreis nicht so weit durchreichen, hab ich auch noch nie so erlebt.
    Weiter so!

    1. Oh nein, von der Ausschreibung her bin ich fest davon ausgegangen, dass es wohl nur einen Preis U 2200 DWZ geben würde. Das ist im Ergebnis aber auch ganz okay, da ich so meine Abendpläne in Berlin noch grade so erreicht habe und meinen Geburtstag an dem Abend noch etwas feiern konnte. 🙂
      Danke jedenfalls auch für den Link zur Siegerehrung!

  3. Cool!
    Interessant, dass sie immer weiter von Königsindisch spricht, obwohl du d4 erst mit 25 Zügen Verzögerung gespielt hast. Offenbar hat sie ja alle eigenen Pläne daran orientiert hat, ohne auf englische Besonderheiten zu achten…

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