Wunsiedel-Schachfestival 2016

Über Himmelfahrt wurde Schach gespielt. Marko, Tony und ich (Felix) fuhren schon am Mittwoch nach Wunsiedel (Nordbayern) um dort an einem der „3 größten Open in Deutschland“ teilzunehmen – so der O-Ton der Veranstalter zur Eröffnung. Die Eröffnung – sonst üblich vom Bezirksbürgermeister durchgeführt – wurde hier von Hans-Peter Friedrich (u.A. ehem. Bundesinnenminister) durchgeführt. So konnte man schon ein bisschen die „Größe“ des Turnieres erahnen. Unter anderem teilgenommen haben 15 GM (darunter 4 Spieler >2600 ELO), 9 IM und 12 FM. Gespielt wurde in 2 getrennten Gruppen, dem Meister- und Amateurturnier. Für das Meisterturnier galt eine min. DWZ von 1900, sodass wir alle dort mitspielen konnten. Gesetzt wurde dann aber nach ELO, so dass selbst Marko (86/142) in der 2. Hälfte gesetzt war, Tony (120/142) demnach auch noch vor mir (141/142).

In der ersten Runde sollten wir also alle vermeintlich stärkere Gegner bekommen. Marko spielte gegen IM Jonas Lampert (2502 DWZ!). Dieser bereitete sich nach eigenen Angaben sogar vor und wählte gegen Marko früh eine Nebenvariante. Marko spielte wohl nicht den konsequentesten Aufbau und verlor leider. Tony spielte gegen einen jungen Niederländer (2230 ELO) und verlor ein schwieriges Endspiel, welches wohl bei optimalem Spiel noch zu halten gewesen wäre. Ich wählte gegen einen Dänen (2129 ELO) die Englische Eröffnung und holte leichten Vorteil aus der Eröffnung. Der Vorteil wurde im Mittelspiel noch etwas größer, bis mein Gegner in schwieriger Stellung einstellte und ich gewinnen konnte. Immerhin ein Punkt also bei schwieriger Ausgangssituation in Runde 1.

Runde 2 am Nachmittag des selben Tages sollte Marko dann einen vermeintlich etwas leichteren Gegner bringen. Er spielte gegen den Leipziger Jens Altmann (1871 DWZ) und wählte nach kurzer Vorbereitung die spanische Eröffnung, der Gegner zog 3. …f5, wonach Marko laut eigener Aussage den Faden schon völlig verlor und die Partie überraschend klar verlor. Tony spielte gegen WFM Doreen Troyke (1993 DWZ) und erreichte eine leicht bessere Stellung, verfehlte dann aber die Verwertung und spielte Remis. Ich bekam FM Martin Haag (2235 DWZ) zu gelost. Er wählte wiederum die Englische Eröffnung gegen mich, wählte eine Variante, die GM Mihail Marin in seinen Büchern als nicht optimal bezeichnet, wieder verwirft und etwas anderes empfiehlt. Soviel wusste ich noch – warum dem so war wollte mir aber nicht mehr einfallen. Aus der Eröffnung hatte ich einen ziemlich schlechten Läufer, ein Befreiungsversuch meinerseits verfehlte seine Wirkung, wonach die Stellung schon verloren war, so war dann auch das Ergebnis 1-0 für meinen Gegner. Zu diesem Zeitpunkt war ich dann schon der Meinung, dass die Englische Eröffnung wohl „unschlagbar“ sei – wie sich später zeigen sollte stimmte diese Aussage aber leider (?!) nicht.

Am Ende des 1. Tages war vor allem Marko wohl etwas enttäuscht, Tony und ich waren soweit noch relativ zufrieden. Am Abend wurde sich dann im ca. 10 km entfernten Marktdrewitz in unsrer Unterkunft weiter vorbereitet, bevor wir alle nur noch müde ins Bett fielen.

In Runde 3 bekam Marko Dr. Wolf Becke (1972 DWZ) zu gelost. Soweit ich mich erinnere gewann er diese Partie relativ problemlos. Tony spielte gegen Constantin Blodig (2114 DWZ) eine sehr interessante Partie, die mehrere korrekte Opfer enthielt. Tony wird diese Partie am Dienstag sicher zeigen. Am Ende verfehlte die Partie das gerechte Remis aber, nachdem Tony sogar eine Gewinnchance ausließ und er verlor leider noch. Ich spielte gegen den Schweriner Rainer Roehl (2082 DWZ) mal wieder Englisch. Diesmal stand ich aus der Eröffnung heraus wieder etwas besser, sah aber die beste Möglichkeit nicht, wonach ich etwas gedrückt stand, ich wickelte in ein Endspiel ab, welches ich wohl auch zu Recht Remis einschätzte. Mein Gegner wählte die kritischste Variante, wonach ich mich inkorrekt verteidigte und verlor – „Ich hasse Damenendspiele“ sollte ich im Verlauf des Turnieres noch öfter sagen.

Marko (1/3) spielte in Runde 4 gegen Dr. Rainer Staudte (1869 DWZ) und gewann wieder. Tony (0,5/3) spielte gegen den Hofer Igor Shashkin (2090 DWZ) und überspielte ihn, bis er schließlich ein wunderschönes Matt mitten auf dem Brett ausführen konnte – Tony in Bestform! Ich (1/3) spielte gegen Dr. Carsten Held (1993 DWZ). Er spielte in der Englischen Eröffnung ein theoretisches Bauernopfer, wonach ich eine schwer zu spielende Stellung erhielt, ich schaffte es aber unter Rückgabe des Bauern auch eine Schwäche in seiner Stellung zur Geltung zu bringen. Es ergab sich eine recht statische Stellung, wonach ich unter „Drohen“ eines Dauerschachs Remis bot. Er wählte eine Fortsetzung durch die er einen Bauern gewann und ein Feld, auf dem Dauerschach geplant war deckte. Hiernach stand sein Läufer aber so ungünstig, dass ich nach eigenem Figurenopfer für 2 Bauern der Art Schachs bekam, dass ich den Läufer zurück gewinnen konnte. Ich hatte nun einen Bauern mehr, welchen er auf Grund von Mattdrohungen nicht zurück erobern konnte. Ich wählte dann aber eine äußerst ungeschickte Abwicklung in ein leicht besseres Turmendspiel, obwohl der Königsangriff vermutlich einen schnellen Sieg gebracht hätte. Das Endspiel konnte ich dann aber trotzdem nach längerem Spiel auch gewinnen. 3/3 in Runde 4 also!

Mit entsprechend guter Stimmung machten wir uns also auf den Heimweg, bereiteten uns wieder auf unsere Gegner vor und gingen dann wieder schlafen. Immerhin schon um 7.30 sollte ja am nächsten Tag der Wecker wieder klingeln.

In Runde 5 bekam Marko einen Vereinskameraden meines Erstrundengegners zu gelost. (Henrik Bolding Pedersen – 2196 ELO). Er erreichte Remis. Tony musste währenddessen gegen CM Frank Schellmann (2018 DWZ) spielen. Dieser spielte an einem Sonderbrett, da er fast vollständig erblindet ist. Schon vor der Partie beschwerte Tony sich, dass er gegen solche Gegner immer schlecht spielen würde. So kam es dann in der Partie auch, dass Tony irgendwann den positionell starken Zug Td8-d7 spielte um möglichst bald auf der d-Line zu verdoppeln. Sein Gegner, der noch ein zweites, kleineres Brett dabei hatte, auf dem er die Stellung auch erfühlen konnte, fragte ihn nach dem Zug: „Stimmen die beiden Stellungen überein?“, woraufhin Tony die 2 Stellungen verglich und einen Satz wie folgt formulierte „Öhm, ja, ich denke schon.. oh.. Ich gebe auf“, denn sein letzter Zug ließ den Turm auf a8 schutzlos hängen, so dass sein Gegner mit Df3 schlägt a8 einen Turm gewinnen würde. Seine Prophezeiung gegen solche Gegner immer Pech zu haben bewahrheitete sich also leider. Ich spielte gegen den Tschechen Marek Pokupra (2129 DWZ) und erhielt aus der Eröffnung eine ausgeglichene Stellung, in der er noch ein paar Ideen fand, welche ich aber alle korrekt beantwortete – Remis.

Zur 6. Runde setzte sich Marko der Münchener Artur Schelle (2154 DWZ) gegenüber, Marko erreichte eine ziemlich gute Stellung, fand aber die beste Fortsetzung nicht, verlor sogar noch einen Bauern bei der Abwicklung ins Endspiel, mit wenig Material, aber Damen noch auf dem Brett erhielt Marko noch genug Spiel für ein Remis. Tony spielte gegen Grigorij Moroz (1973 DWZ). Seine Partie ähnelte Markos sehr, er erhielt eine gute Stellung, verfehlte die besten Varianten, verlor einen Bauern und kam in ein Endspiel mit 3 gegen 4 Bauern an einem Flügel, in der jeder noch einen Springer hatte. Wie genau sein Gegner das Endspiel dann verwertete kann ich nicht beurteilen, jedenfalls konnte Tony sich nicht mehr retten und verlor. Ich spielte gegen WFM Alina Zahn (2037 DWZ). Die Vorbereitung fiel mir hier besonders schwer, sie spielt Maroczy Aufbauten gegen Sizilianisch, welche ich immer unangenehm zu spielen finde mit Schwarz. Zuletzt wählte sie außerdem öfter 3. Lb5+ gegen 1. … c5 und 2. … d6, so dass mir keine kluge Zugreihenfolge einfiel, sie aus ihren gewohnten Systemen zu bringen. Caro-Kann wurde es also, wo ich immerhin eine Variante fand, von der ich zwar wusste, dass sie sie mal vorbereitet haben musste, aber mir dachte, dass sie diese wohl als nicht sehr wahrscheinlich für diese Partie erachten würde. Meine Eröffnungswahl machte sich bezahlt und sie wählte früh einen zu „sicheren“ Aufbau, wonach ich sofort Ausgleich erziehlte und sie sich sogar etwas unwohl fühlte. Mittels eines temporären Qualitätsopfers wickelte ich in ein Endspiel ab, welches ich als besser erachtete. Auch sie sagte mir nach der Partie, dass sie die Stellung fast schon als verloren betrachtete. Es sollte sich aber zeigen, dass sie grade so alle Drohungen abwehren kann, die Partie endete Remis.

Am letzten Abend im Hotel hatten wir mal etwas mehr Zeit und konnten nach bzw. vor der Vorbereitung auch noch ein bisschen Blitzen. „Hand and Brain“ und „Fisher-Random“ wurden gespielt. Tony wurde nach einem nicht so erfolgreichen Tag erfolgreich wieder aufgemuntert. Wir kamen aber erst gegen 2 Uhr zum schlafen, um 7 klingelte dann schon wider der Wecker. Der fehlende Schlaf sollte sich am nächsten Tag auch in unseren Partien zeigen.

Marko spielte gegen Claus Werner (2155 DWZ), stand optisch leicht besser, wurde aber irgendwie in ein Endspiel mit schlechtem Läufer gegen guten Springer + je ein Turm gedrängt, in dem er unter Abtausch der beiden Leichtfiguren einen Bauern verlor. Es ergab sich ein Endspiel mit 5 gegen 4 Bauern auf einem Flügel, in dem Weiß einen gedeckten Freibauern auf d5 erhielt. Ich schätzte die Stellung als verloren ein, Tony teilte diese Außensicht. Kurz später reichten sich beide die Hände und wir dachten erst Marko hätte aufgegeben, seinem Gesichtsausdrucks nach, der Verwunderung zeigte, und dem, was auf dem Formular eingetragen war, hatte man sich aber wohl doch auf ein Remis geeinigt. In der späteren Analyse sollte sich zeigen, dass sein Gegner eine sehr chancenreiche Fortsetzung verpasste, Glück gehabt! Tony spielte gegen Rene Stingl (2013 DWZ) schon nach ca. 5 Zügen Remis. Ich spielte gegen Paul Maximilian Maetzkow (14 Jahre – 2086 DWZ). In der Eröffnung machte sich mein Schlafmangel bemerkbar, ich erhielt ein Horrorendspiel, indem ich aber auf einmal Mattdrohungen gegen seinen König herauf beschwören konnte. Mit einer genaueren Fortsetzung hätten diese bei nicht optimalem Spiel meines Gegners sogar noch Gewinnchancen gebracht. Hier hätte er aber zumindest praktisch auch noch Gewinnchancen gebracht, so dass ich mich entschied Dauerschach zu geben.

Das persönliche Ergebnis liest sich wie folgt:

Marko erreicht mit 3,5/7 Punkten Platz 82 (+4 Plätze), +6 ELO (Leistung 2123), aber -16 DWZ (Leistung 2094).

Tony erreicht mit 2/7 Punkten Platz 129 (-9 Plätze), -6 ELO (Leistung 1915), -13 DWZ (Leistung 1894).

Ich erreiche mit 3,5/7 Punkten Platz 75 (+66 Plätze), +48 ELO (Leistung 2151), +25 DWZ (Leistung 2099).

Ein paar der interessanten Partien werden sicher am Dienstag besprochen. Insgesamt war es ein sehr gut organisiertes Turnier. Wir hatten durchweg nette Gegner, mit denen auch nach den Partien oft noch analysiert wurde. Das Turnier würde von uns auf jeden Fall empfohlen werden. Leider wird das Turnier nach seiner 10. Ausgabe nächstes Jahr aber nicht mehr statt finden. Wir hoffen, dass das nur ein einmaliger Aussetzer ist.

2 Gedanken zu “Wunsiedel-Schachfestival 2016

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