Neues aus dem Schachkontinent – Teil 1

Buenas dias aus Lima!

Inspiriert von Marko´s Beitrag und weil ich grad ein Turnier hier in Lima mitspiele, ist es wohl ein sehr guter Zeitpunkt für ein „Hola hola“ aus Peru nach Spandau. Was? Fragt da wirklich wer ob hier auch Schach gespielt? Na klaro!

Peru ist sogar ein ziemlich schachverrücktes Land. Auf meinem Weg zur Arbeit liegt z.B. der Parque Canada, wo sich die senioren Schachspieler nur so tummeln und versuchen, Touristen den ein oder anderen Soles abzuspielen. Es scheint dabei fast, als wäre der deutsche Schachrentner die Ausnahme, die im Gegensatz zu seinen Kompanions aus den USA, Osteuropa oder Peru nicht den Weg aus dem Wohnzimmer zum öffentlichen Park findet. Ich finde, dazu sollte man mal eine Studie machen, oder zumindest einen Arbeitskreis gründen.

Also gut, kurzer Background zu Peru: Die bekanntesten Schachspieler des Landes sind sicherlich der Großmeister Granda Zuniga, der gerade erst in der deutschen Schachbundesliga mit Schwarz Anish Giri geschlagen hat, sowie die hier im Lande fast schon legendäre Cori-Familie, die hier sogar immer wieder in Werbung und Fernsehen auftaucht. Aber es sind vor allem die sehr guten Schachschulen und der peruanische Nachwuchs, der bei Kontinentalmeisterschaften viele Preise abräumt und nicht zuletzt auch des Öfteren bemerkenswerte Erfolge bei Weltmeisterschaften feiert.

Dazu passt auch das Turnier, das ich derzeit mitspiele: Angesetzt auf 8 Runden an zwei Wochenenden, doppelrundig, und mit 150 Teilnehmern. Es ist ein ELO U 2200 Turnier und bietet also herrliches Amateurschach bei prima Turnierbedingungen. Gespielt wird in einer Art Gemeinderaum/ Kirche auf einer großen schönen Anlage mit Garten, Wiesen, Sportplätzen und mehr mitten in der Stadt. Es ist wohl eine Pater-Schule oder so etwas in der Art, und gleichzeitig auch die Herberge des großen Schachvereins aus dem Bezirk Surco. Beim Spaziergang mitten in dieser Oase im sonst so lauten, vollen Lima habe ich sogar eine Schildkröte entdeckt!

Von den Teilnehmern spielen, ach nein, lernen, sicherlich noch 2/3 in der Schule und viele spielen hier mit, um sich eine erste Wertzahl zu holen. Oder aber auch um älteren Jahrgängen wie mir erbarmunglos ELO-Punkte abzuluchsen. Besonders günstig für die Youngster dabei die Bedenkzeit: 60 min plus 30 sek Bonus bis zum Ende der Partie. Nicht mehr. Nada más!

Nun ja, es ist grad Halbzeit, also vier Runden sind gespielt, und was soll ich sagen – ziemlich Schwein gehabt bislang.

In Runde 1 hat mein 12-jähriger Gegner (ELO 1324) mit Weiß 10 Züge Französischtheorie runtergeblitzt, und grad als ich anfing Angst vor ihm zu bekommen, hat er dann doch ne typische Falle mit Turmverlust zugelassen.

In Runde 2 hat meine 13-jährige Gegnerin (ELO 1609) nach passivem Beginn ihrerseits mich klasse an die Wand gespielt, und mehr als einmal stand ich am Abgrund und war irgendwann komplett verloren. Am Ende konnte ich beim Spielen mit 30 Sekunden Inkrement (Heidy Nicole hatte noch über 30 Minuten) dank furchteinflößendem Läuferpaar und Freibauern doch noch bluffen, was für ein Betrug! Schwarz patzte mit Lxd4 und wie ging es dann wohl weiter?

Nils versus Heidy, Turnier Lima 2017

Zu der Geschichte passte, dass mein Leidensgefährte am Nebenbrett, ein freundlicher Franzose in meinem Alter, in Runde eins und drei auch gegen zwei weitere junge Schachmädels ran musste. Während er in Runde 1 wie ich in totaler Verluststellung noch einmal dem Schachtod von der Schippe springen konnte, erwischte es ihn dann in Runde 3, Niederlage und aus die Maus, zum Heulen… Wir beide hätten uns gern während unserer Partien das eine oder andere Mal ein Taschentuch rübergereicht, aber im Prinzip waren wir einfach nur begeistert von der Spielstärke unserer Gegnerinnen.

In Runde 3 dann, am Sonntag, spielte mein 17-jähriger Gegner (ELO 1734) lässig 1.b4 und nach meiner Antwort 1. …e5 2.a3. Ich war aber nicht beeindruckt, spielte 2. … c6 und nach 3. Lb2 Dc7, um nach 4. e4 und wirrer Anfangsphase mit guter Initiative und Entwicklungsvorsprung aus der Eröffnung herauszukommen. Im weiteren Verlauf schaffte ich es, nach Abtausch einiger Figuren seine Bauern am Damenflügel unvorteilhaft auf a3 und b5 festzulegen und konnte den Vorteil bis in die Zeitnotphase hinein halten. Es blieb leider kompliziert, und mit Turm/Turm/Läufer/Läufer gegen Turm/Turm/Läufer/Springer hätten grobe Fehler leicht passieren können, aber schlussendlich hielt er dem Druck nicht stand und verlor auf Zeit (und Stellung)… so war es dann mein erster Sieg nach Blättchenfall überhaupt, glaub ich.

In der Abendrunde Nummer 4 hatte ich dann einen Elo-losen Gegner des Jahrgangs 1982, der aber auch 3/3 aufwies und daher nicht wirklich ein krasser Anfänger mehr sein konnte. Es entwickelte sich eine typische Maroczy-Bind-Stellung, die er nicht richtig zu spielen wusste, und nach einigen Ungenauigkeiten konnte ich zum gewinnbringenden taktischen Schlag ausholen: Wie ging es weiter?

Weiß am Zug

So bleibt es für mich also doch noch bei der weißen Weste, und wer am kommenden Wochenende den Verlauf weiterverfolgen mag, der kann hier gucken.

Un saludo cordial!
Nils

Ein Gedanke zu „Neues aus dem Schachkontinent – Teil 1

  • 26. April 2017 um 11:28
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    Klasse Bericht, bitte mehr davon 🙂

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